Wer rastet, der rostet.

Es gab Zeiten, da war es unmöglich, überhaupt vier Wochenenden hintereinander daheim zu bleiben. Ob Neuseeland, Brasilien, Estland oder Reiseziele innerhalb Deutschlands oder Österreich, die Welt war aufregend … und ist sie bestimmt immer noch, doch fühle ich mich inzwischen richtig steif. Wer rastet, der rostet. Mein Motto. Und nun wird mir bewusst, in vielerlei Hinsicht.

Es war wieder soweit: Raus! Ich musste raus! Inzwischen mag ich sehr diese kleinstädtische Entschleunigung, das überschaubare Angebot für Konsummöglichkeiten und diese frische Luft mit einer kleinen salzigen Brise. Doch irgendwann ist auch genug davon. Ich brauche Großstadt, viele Menschen und kulturelles Angebot. Ich musste raus und zwar allein! Eine kurze Auszeit von Familie und dem Bauunternehmen. Und was ist naheliegender als mal schnell für ein verlängertes Wochenende nach München zu fahren? Obendrein hatte ich anschließend noch ein Meeting in Brandenburg an der Havel. Es passte gut, denn gleich welche Reiseaktivitäten, wir benötigen immer die Oma dafür. Für’s Kind war also gesorgt, nun musste ich mich nur noch um mich kümmern. Und das tat ich auch mit aller Sorgfalt …

Freunde und Aktivitäten rein gepresst in 2,5 Tagen. Welch ein Spass! Mein Körper wurde lange nicht mehr in solch einer konsumbedingten Mitleidenschaft gezogen. Biergarten, Viktualienmarkt und wieder Biergarten. Dazwischen noch der alte Stammitaliener, und ganz viele Freunde und alte Wegbegleiter.

Doch eines war anders als sonst: Die alte Reiseleichtigkeit war weg! Kann man sowas verlernen? Normalerweise bewegte ich mich mit einer absoluten Selbstverständlichkeit durch Flug und Bahn. Aber diesmal tat ich mich schwer. Schon das Packen überforderte mich. Und vor dem Reiseantritt war ich wahnsinnig aufgeregt. Doch mit der ersten Bahnverspätung war ich schon wieder ein alter Hase in Sachen Reisen mit der Bahn. Bei der Ankunft in München allerdings fühlte ich mich dann doch wie der kleine Dorfi in der großen Stadt. Doch nach zwei Wein auf dem Viktualienmarkt war es auch wieder wie früher.

Das letzte Mal, als ich allein das Weite suchte, ist tatsächlich ein Jahr her gewesen. Seitdem hat sich vieles geändert. Auch München hat sich verändert. Man kann es bildlich beobachten, wie gespalten die Gesellschaft ist in Maske oder Nicht-Maske und pro Waffenlieferung oder contra Waffenlieferung.

Maibaumaufstellen und andere Volksfeste

Auch mein geliebter Viktualienmarkt hat sich verändert. Normalerweise sieht man dort ein Bild von jedem – vom Tourist, über den „Normalo“ bis hin zum Trachtenträger. Gerade diese Mischung machte den Reiz dort aus – na gut, und auch die wechselnden Biersorten der Münchner Brauereien. Aber nun schaut es eher nach Schaulaufen der P1-Schickis und Vorzeigen der geschmacklosen Dirndls aus.

Doch allem in allem: Diese Stadt ist mir so vertraut, dass ich sie noch immer an vielen Stellen sehr vermisse. Eine Sache, die mir sehr abgeht, sind die Volksfeste. Natürlich gibts die hier auch, doch eher maritimer. Und bei Seemansliedern bin ich nicht so textsicher.

Gefühlt wird in Bayern aus allem und jedem Anlass ein Volksfest veranstaltet. In den wärmeren Monaten könnte man ein Volksfest-Hopping machen. Und eines macht richtig Gaudi: Das Aufstellen des Maibaumes am 1. Mai. Der Maibaum wird alle fünf Jahre mit einem großen Fest und alten Bräuchen und eigentlich mit reiner Muskelkraft (nun aber auch mit einem Kran) aufgestellt.

Der 1. Mai als Anfang des Wonnemonats war früher ein wichtiger Zeitpunkt. Es wurde wärmer und die Felder wurden bestellt und die Saat ausgebracht. Als Zeichen der Fruchtbarkeit und des Wohlgelingens stellten die Menschen einen Maibaum auf. Noch heute wird einigen Dörfern die Dorfrivalität gefrönt und Maibaum-Raub „gespielt“. Einfach nur wunderbar. Der 1. Mai in Bad Doberan war hingegen ein wenig lahmer, genau genommen fand nichts statt.

Sehr wahrscheinlich Coronabedingt hatte der Viktualienmarkt keinen Maibaum im letzten Jahr. Mei, schaute er nackert aus. Umso mehr freute ich mich über den liebreizenden Anblick des neuen Maibaums in weiß-blauen Gewand unter weiß-blauem Himmel. Der Maibaum auf dem Viktualienmarkt ist schon was Besonderes: Statt die traditionellen Gewerbe einer Gemeinde, zeigt er Szenen aus dem Münchner Leben. Und nicht nur das. Er weist auch auf das ältestes Nahrungsmittelgesetz hin, den Ursprung des bayerischen und deutschen Reinheitsgebots: Das Münchner Reinhheitsgebot von 1487.

Einerseits, andererseits …

Nun bin ich wieder hier und hab mich sehr auf meine Familie gefreut. Mein Bruder ist spontan auch vorbei gekommen. Wir hatten also full house und nach fünf Wochen Sonne und Trockenheit auch wieder Regen. Schon letztes Jahr stellte sich heraus, dass der Mai in Mecklenburg-Vorpommern ein Sonnenschein-Garant ist. Wir spürten es in unseren Armen. Wir haben nämlich noch keinen Gartenschlauch gefunden, der bis zum anderen Ende des Gartens reichte. Also war unser neuester Abschaltsport nach der Arbeit … Gießkannen schleppen und gießen. Ungelogen, es waren sogar die Gießkannen ausverkauft.

Schön waren die letzten Wochen. Ob Muttag oder als Nach-Kita-Treff, in unserem Garten war Leben. Das kann natürlich eine Dreizimmer-Wohnung im vierten Stock in München nicht bieten.

Und dann haben wir ja noch die Ostsee vor der Haustür …

Und es gibt noch dieses Haus, wegen dem wir unser Leben in München aufgaben. Wir suchten ein neues Projekt, bevor wir rosten. Herrje, waren wir naiv, als wir vor 1,5 Jahren dachten – nein, als ich dachte, wir machen es mal eben ganz schnell schick, machen die Ferienwohnung rein und vermieten das Obergeschoss. Nun muss ich darüber schmunzeln, denn alles verzögert sich. Entweder wir stehen uns selbst auf den Füßen oder die Handwerker haben Personal- und Materialmangel, sofern es noch welche gibt. Aber ich muss schon sagen, faul waren wir nicht, nur dass wir vielleicht ab und an mal die Prioritäten verschoben.

Nun wird der Wonnemonat Mai durch den rückläufigen Merkur getrübt: Unser Fensterbauer verschob unsere Fenster-Restaurierungssession auf Juli, der Schornsteinbauer meldet sich auch nicht (wir wollen einen Schornstein für einen Kaminofen reaktivieren) und die Firma für die Erdsondenbohrung (wir haben uns enschieden, mit Erdwärme zu heizen – es stehen aber noch Genehmigungen aus) meldeten sich auch nicht in der besprochenen Frist. Obendrein steigt die Inflation und das Gas wird teurer und teurer. Von unserem Gaslieferanten erhielt ich eine Email, er empfehle, unsere monatliche Abschlagszahlung auf 596 (!) Euro hochzusetzen (kein Tippfehler!). Anzeichen auf eine Spam gibts nicht.

Was ist nur los? Und hinzu kommt (ich werde nicht müde, es zu erwähnen) … der Ostabschlag beim Gehalt … Ehrlich gesagt, ein wenig beunruhigt mich schon langsam die wirtschaftliche Situation. Aber wir wollten ja dieses Abenteuer.

Wir üben uns in Zuversicht und machen weiter. Life is a Journey.

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