Ein Jahr und viel ist passiert

Vor einem Jahr packten wir unsere Umzugskartons und Koffer. Am Tag der Wiedervereinigung gaben wir symbolträchtig unsere Abschiedsparty. Freunde aus München, Ost und West sowie aus manch anderen Ländern feierten und trauerten mit uns, unsere Entscheidung aus München wegzuziehen … in den Osten … als sogenannte „Rückkehrer“, wie es so schön in den Medien heißt.

Und nun sind wir hier. Seit einem Jahr. Alles hat sich verändert. Natürlich klingt es hyper-dramatisch, wenn ich sage: Nichts ist so, wie es vorher war. Aber doch, es stimmt. Ich kann nicht sagen, ob es besser oder schlechter ist, weil es anders ist. Die Gegensätze sind so enorm, dass sich unser neues Leben mit dem alten nicht vergleichen lässt. Es gibt immer, ein „aber dafür …“. So ist die Kleinstadt nicht so actionbeladen, doch dafür haben wir sehr gute Luft hier. Der Weg zum Kindergarten, hat sich um eine bequeme Rad-fahr-Länge verkürzt, dafür ist hier der Kita-Betreuungsschlüssel super schlecht. Die Behördengänge sind kürzer, schneller und einfacher, dafür kennt eben jeder jeden. Die Ostsee ist wunderschön und die Sonnenuntergänge so romantisch, dafür vermisse ich mein oberbayrisches Voralpenland. Die Natur ist so nahe, doch sehne ich mich nach dem reichhaltigen Kulturangebot einer Großstadt (Konzerte, Oper und das Literaturhaus). Mal einen Kurztrip nach Österreich und dem vertrauten Wiener Schmäh zu lauschen, ist nicht mehr so einfach drin, doch dafür sind unsere Nachbarn die faszinierenden skandinavischen Länder und intakte Buchenwälder und viel Wasser. Im Sommer weht immer eine angenehme frische Brise, doch dafür ist es hier in den Zwischen-Jahreszeiten einfach nur nass-kalt – selbst der goldene Oktober ist feucht.

Ganz schlimm: Fake-Oktoberfeste! Das macht die Sehnsucht nach München schlimmer. Hier auf der Rückreise von Rendsburg in Boltenhagen.

Ich könnte diese Liste beliebig fortführen. Und besonders in den letzten Wochen, seit der Wurm eben bei uns drin ist, fragt man sich natürlich, ob das alles so richtig und die Entscheidung, hier her zu ziehen, gut war. Schließlich sind wir wegen einem Haus hier her gezogen. Wars das alles wert? Fairnesshalber muss man aber sagen, das Haus war nur der Auslöser, im Endeffekt hatten wir uns für Veränderung entschieden.

Es gibt keine Antwort darauf. Wir wissen nun, hätten wir wirklich gewusst, was auf uns mit diesem Haus zukommt, wären wir wahrscheinlich diesen Schritt nicht gegangen. Gut wohl, dass wir so naiv waren und diesen Weg doch gegangen sind. Doch in zwei Dingen hadere ich wirklich sehr und es frustriert mich auch zudem: Es ist die Sache, dass man im Osten immer noch weniger verdient und die Lebenshaltungskosten nicht günstiger sind (im Übrigen auch nicht die soziale Infrastruktur, wie es immer so schön bei den „Rückkehrersendungen“ dargestellt wird). Ja, das dürft ihr euch wohl regelmäßig anhören. Zum anderen fehlt mit die verkehrstechnische Infrastruktur: Den Flughafen und/oder den ICE-ausgebauten Bahnhof vor der Haustür, das Tor zu Welt eben.

München ist zwar weiter in die Ferne gerückt, so langsam fassen wir hier Fuß, doch vermisse ich es noch immer sehr.

Reise an den Nord-Ostsee-Kanal

Ja, das Internationale fehlt uns sehr. Mein Englisch rostet und das (spontane) Reisen habe ich fast verlernt. Die Nähe zu Rostock war so ein wenig meine Hoffnung, um an Kultur und turbulentem Leben enger dran zu sein. So freute ich mich sehr über unsere spontane Entscheidung, mal eben zu meinem Bruder nach Rendsburg zu fahren. Schließlich war ich dort noch nie. Es gab uns so einen kleinen Schwung von Kurztrip wieder.

Das Wahrzeichen von Rendsburg: Die Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal.

Die Gegend um Kiel mochte ich schon immer und einen Hang für die Richtung Dänemark hatten ich auch schon immer. Den Nord-Ostsee-Kanal hatten wir aber noch nicht gesehen. Das ist schon wirklich faszinierend: Da liebt man das Hektische einer Großstadt, doch gleichzeitig macht so ein fließendes Gewässer im absolut flachem Land Eindruck: Wir saßen dort am Kanal und sahen den vorbeifahrenden Schiffen zu. Wie entspannend. Und den Massen an Campern um uns herum zufolge, empfand das wohl jeder so.

Rendsburg ist eine nette kleine Stadt. Schon größer als Doberan. Hätte ich das gewusst, dass es dort einen H&M dort gibt, wären wir auch Samstag schon rein gefahren. Denn der geht mir in Doberan wirklich ab. Und die Gegend ist noch flacher als hier das Land. Scheinbar wurde nur Mecklenburg-Vorpommern aus der Endmoräne geschaffen. Die Menschen sind noch freundlicher dort. Am Rande dazu: Ich las mal, dass die Schleswig-Holsteiner die glücklichsten Menschen in Deutschland seien wegen der Nähe zu Dänemark (= das glücklichste Volk der Welt). Das „Moin Moin“ (= gut gut) ist Ausdruck von deren Lebensfreude. Und umso östlicher man sich im Norden bewegt, also sprich in Mecklenburg-Vorpommern, umso mehr nimmt das „gut gut“ ab und die Menschen werden griesgrämiger. Diese Theorie würde natürlich erklären, warum die Menschen in Mecklenburg (also in Bad Doberan) freundlicher sind, als die in Vorpommern (ähm, natürlich gibt’s auch tolle Leute in Vorpommern, schließlich komme ich ja von dort, so ganz ursprünglich mal).

Steuergeschenke

Das Reisen ist das Eine, das Andere ist eben das Geld. Wir hatten keine Idee von dem gehabt, was unser neues Leben so frisst. Unterm Strich haben wir nun weniger verfügbares Einkommen als in München. So mussten wir uns nun also auch in unserer Lebensweise umstellen. Allerdings muss ich dazu sagen, es ist nicht wirklich schwer. Corona-und Kleinstadtbedingt gab und gibt es nicht viele Möglichkeiten, Geld in wahnsinnig viele Aktivitäten zu stecken.

Doch die Baumaßnahmen am Haus „fressen“ unser Geld. Das sind auch
Momente, in denen wir uns fragen, warum wir uns auf dieses Abenteuer
eingelassen haben. Jede Geldquelle wird angezapft.

Ich hatte tatsächlich im Juni geschafft, unsere Steuererklärung für das Steuerbüro vorzubereiten. Ja gut, ich lasse meine Steuererklärung machen, aber die geforderten Sachen und Nachweise zusammenzusuchen, ist wirklich aufwendig. Und nun kommt ja auch hinzu, dass man mit dem Titel „Denkmalschutz“ ja wahnsinnig viele Sanierungsarbeiten länger und zu besseren Bedingungen abschreiben lassen kann. In dieser Euphorie und mit diesem dünnen Strohhalm, dass diese denkmalschutzbedingten „Mehr-Ausgaben“ irgendwie wieder zurückfließen, sortierte ich alle Rechnungen, schrieb pingelig Exceltabellen und rekonstruierte unsere Ausgaben des kompletten letzten Jahres. Eine Fleißarbeit. Doch nun erhielt ich ein Schreiben von unserem Steuerberater. Es fehlen noch die und die Unterlagen und … die denkmalschutzrechtlichen Abschreibungen können nur bei Vermietungen geltend gemacht werden. Super! Nun zahlen wir eine Menge Geld für denkmalschutzrechtliche Maßnahmen und in keiner dieser Hochglanz-Denkmalschutz-ist-toll-Broschüren wurde erwähnt, dass die supertollen besseren Abschreibungen natürlich nur in Kombination von Mieteinnahmen geltend gemacht werden können. Denkmalschutz ist also doch nicht so toll.

Übrigens wurde heute mein Verband entfernt. Drei Wochen nach meiner Verbrennung ist meine Wunde zwar noch nicht verheilt, aber soweit gut und ich kann mich wieder bewegen. Es sieht aus, dass wir unsere Fahrt nach München in einer Woche wirklich antreten können. Vorfreude!

2 Gedanken zu “Ein Jahr und viel ist passiert

  1. Hättste es nicht ausprobiert, wüsstest du nicht wie es sich anfühlt. Das doofe am Leben ist, dass man viele Sache nicht wieder zurückdrehen kann. Das gute am Leben ist, dass man vieles öfter als genau 1x ausprobieren kann ohne direkt zu sterben oder inakzeptabel zu leiden. Also: haut rein, macht was draus!

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