Unbeschwert

Vor paar Wochen noch warteten wir auf den Sommer und auf die Corona-freie Zeit, also auf Unbeschwertheit. Und nun ist sie da! Seit über 14 Tagen: Eine Inzidenz von 0,0 im Landkreis Rostock! Ein neues und wieder entdecktest Lebensgefühl. Man möchte schon fast in eine Hochstimmung verfallen.

Doch die letzten Tage konnte ich es noch nicht so ganz genießen. Ich fühlte mich ständig kränklich und müde. Nicht ganz krank, aber auch nicht ganz fit. Es ist wie eine Spirale: Müdigkeit und Hitze (ja, Hitze! Noch nicht mal an der Ostsee blies ein laues Lüftchen!) ließen die längst fälligen Anträge (Denkmalschutz und Kredit und Steuererklärung) auf meinem Schreibtisch weiter warten. Der Gedanke daran machte noch träger und müder … Und was ist meine Strategie dagegen? Es gab keine. Ich bin erst einmal mit Ricardo zu meinen Eltern auf den Campingplatz in die Oberlausitz gefahren. Natur hilft doch immer wieder am besten … und Großeltern, die dafür sorgen, dass man mal paar Tage ausschlafen kann, weil sie das Kind übernehmen.

Das tat schon wahnsinnig gut. Und Sonne tut auch wahnsinnig gut. Und endlich wieder essen gehen ohne „Bitte kreuzen Sie an: geimpft, getestet oder genesen“ tut auch wahnsinnig gut. Entspannte Menschen auf der Straße tun auch wahnsinnig gut. Oh Mann, was waren die letzten Wochen nur für komische Zeiten? Jetzt erst merkt man, wie drückend die schlecht Wetter- und Corona-Front war.

Gut gelaunte Menschen auf den Straßen

Besonders bewusst wurde mir es, als wir gestern in Greifswald unterwegs waren. Jürgen und ich gönnten uns seit langem wieder mal ein Pärchenabend. Unser Kind haben wir bei meinen Eltern gelassen und sind nach Greifswald zum Essen und Schlendern gefahren. Auch eine neue Erfahrung für uns: Fahren. In München setzt man sich mal eben in die U-Bahn und ist da. Im ländlichen Bereich muss man sich ins Auto setzen und fahren.

Greifswald, eine Stadt in Vorpommern mit knapp 59.000 Einwohner, war neben Leipzig die Stadt, die in Frage gekommen wäre, wenn ich je in die neuen Bundesländern zurück gegangen wäre. Studentenstädte mit Leben und Vielfalt. Bad Doberan hatte ich dabei nie auf dem Schirm. Leben ist in Greifswald natürlich nur, wenn keine Semesterferien sind. Doch gestern war in den Straßen Leben und Trubel, ohne Masken und bei sommerlichen Temperaturen. Allein das machte Spaß. Durch die Straßen zu schlendern und die Ausgelassenheit der Menschen aufzusaugen. Im Kulturzentrum wurde zu Jazz-Klängen getanzt, und am Museumshafen tanzten Pärchen Tango. Jugendliche am Ryck (ein Fluss) chillten mit nem Bier in der Hand. Über den ganzen Marktplatz ertönten die EM-Spiele. Unglaublich. Noch vor Wochen schien eine solche Stimmung gar nicht vorstellbar.

Jürgen und mir tat der Abend auch gut. Wir nahmen uns vor, nicht übers Haus zu reden. Nachdem wir doch paar Worte darüber verloren hatten, klappte es ganz gut. Wie sehr doch unsere Baustelle unseren Alltag und unsere Gespräche bestimmt!

Heute besuchten wir eine Familien-Freundin in Mirow, ein Ort in der Mecklenburgischen Seenplatte. Man könnte glauben, es ist ein ganz normaler Sommer. Schiffe und Hausboote gleiten über den See. Die Sonne wärmt. Kinder und Erwachsene – darunter auch meine Männer – planschen im Wasser. Alltag, Müdigkeit, Mattigkeit? Ganz weit weg.

Hauptsache aufgetankt

Jeder hat seine eigene Art und Weise, wieder Kraft aufzutanken. Müde bin ich gerade nicht mehr und fitter als noch vor einer Woche fühle ich mich auch. Ich weiß nicht, wie man solche Kreisläufe durchbrechen kann. Denn oft bedingen liegen gebliebene Dinge und Unordnung die Null-Bock-Stimmung und mit Null-Bock lassen sich ungeliebte Dinge nicht verrichten, doch Aufschieben machts auch nicht besser. Ich stelle immer wieder fest, dass Ausbruch hilft. Erst einmal auftanken. Und wenn man rauskommt und noch das Gefühl hat, die Welt da draußen ist wieder unbeschwert, verfliegt das Schwere fast von allein. Für morgen jedenfalls nehme ich mir fest vor, mich um die Steuer zu kümmern (bevor es die nächsten Tage wieder so heiß werden soll), damit zumindest ein drückender Faktor beseitigt ist.

Unbeschwert sollten eigentlich auch Geburtstage sein. Meine Oma ist nun 98 Jahre alt geworden. Ich weiß nicht, ob sie mit 98 Jahren unbeschwert lebt. Sie ist inzwischen hochgradig dement. Schon mit 94 sagte sie, es ist nicht schön, alt zu sein, hier zwickt es und da ziept es. Wir besuchten sie im Pflegeheim. Doch die kleine Geburtstagsfeier reduzierte sich auf 15 Minuten. Sie war müde und hatte Schmerzen … und … sie erkannte uns nicht mehr, ihre Tochter und ihre Enkeltochter! Es ist traurig, doch muss ich mal wieder ihre Taffheit bewundern: Sie hat es bestens versucht zu kaschieren, dass sie uns nicht erkannte! Unbeschwert war der Besuch für uns jedenfalls nicht und für sie wohl auch nicht.

Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass die Unbeschwertheit der letzten Tage sich fortsetzt. Ich hoffe, dass viele Menschen wieder arbeiten dürfen und andere endlich im Urlaub durchschnaufen können. Ich hoffe, endlich mal wieder ein Konzert zu erleben. Ich hoffe, dass diese Lockerungen in den Einschränkungen uns zumindest diesen restlichen Sommer bleiben und ich hoffe, dass alle diese Zeit genießen. Wer weiß, was kommt, doch eines ist immer wieder sicher: Langweilig wird es zumindest nie bei uns!

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