Vom instabilen Polarwirbel, dem kalten Ostwind und unserem Alltag

In rund 30 km Höhe gibt es in der Polarregion eine große kreisförmige Luftströmung, den Polarwirbel. Im Winter verstärkt sich dieser Wirbel, weil weniger Sonnenlicht in der Polarnacht die Luft nicht so erwärmen kann. Dadurch vergrößern sich die Temperaturunterschiede, die den Wirbel antreiben. Normalerweise ist der Polarwirbel recht stabil, nur eben manchmal – so alle paar Jahre – kommt es vor, dass er sich nicht mehr nur regional um den Nordpol dreht. Er kommt dann auch zu uns, etwas südlicher. Und dann wird es eben richtig kalt.

Tief Tristan schiebt noch aus Südfrankreich warme feuchte Luft den Norden hoch und trifft auf die polaren Luftmassen, die aus Skandinavien auf uns zusteuern. Tief Reinhard schiebt auch noch aus England die Luftmassen … und an den Luftmassengrenzen knallt es. Selbst im Norden, an der Küste, spüren wir diese massiven Wettermächte.

Ein ungebändigter Polarwirbel, gepaart mit Tristan und Reinhard und einem kalten Ostwind, macht auch unseren Alltag etwas besonders. Es schneit und schneit. Und es ist bitterkalt. Unsere luftdurchlässigen Fenster geben alles, damit die Wärme in unseren Räumen bleibt. Konstante 19 bis 20 Grad – man gewöhnt sich dran. Selbst Küche und Bad mit der Einfachverglasung in den Fenstern und den wunderschön anzusehenden Holzflügeln, die zu Zeiten Ihrer Ladyschaft als Zimmerverdunklung (früher waren Bad und Küche das Schlafzimer) fungierten, geben ihr letztes. Wir arrangieren uns. Dann werden eben diese Räume nur genutzt, wenn es unbedingt sein muss. Die Fenster im Treppenhaus zeigen ihre schönsten Eisblumen.

Unsere recht große Wohnung wird in ihrer Nutzung nur noch auf wenige Zimmer beschränkt. Das bringt Wärme und Geselligkeit in die Zimmer.

Jürgen sprach heute mit einem Nachbarn in der Straße. Er meinte, so viel Schnee schaufeln musste er seit Jahren nicht mehr. Ich freue mich sehr über diese Winterlandschaft. Es macht Spaß, aus dem Fenster zu schauen und die Schneeflocken oder die zwitschernden Vögel am Vogelhaus zu beobachten. Übrigens haben sich unsere Nachbarn von nebenan als die motorisierten Schnee-Gehweg-Räumer entpuppt. Herzlichen Dank! Ich fange an, Kleinstadt richtig zu mögen.

Wir haben nun dem Energieexperten den Auftrag gegeben, unser Berater für die energetischen Umbauarbeiten (quasi für die komplette Haussanierung) zu sein. Mit Kälte in der Wohnung fühlt sich so ein Unterfangen noch mal richtig gut an, nämlich mit der Aussicht und Vorfreude, dass es nächsten Winter nicht mehr so kalt ist.

Dieser Energieberater war vor drei Wochen in seiner Funktion als Experte von der Verbraucherzentrale bei uns. Das Wirtschaftsministerium fördert solche Beratungsgespräche mit sehr viel Geld und wir zahlen ein sehr geringen Eigenanteil für ein solches Beratungsgespräch. Jedenfalls hat uns die Verbraucherzentrale auch sehr schnell ein sehr ernüchternes Ergebnis der Bestandsaufnahme unseres Hauses geschickt. Fazit: Wir werfen unser Heizgeld zum Fenster raus.

Alles ruht im Winterschlaf

Da auch wir bei dieser Kälte nicht viel machen können, ruht irgendwie alles. Winterschlaf eben. Für Putz an den Wänden ist es zu kalt, ebenso für die Fliesen in der Veranda (ähm … Wintergarten), und die Brombeerhecken, die in unserem Garten alles überwuchern, was sie fassen können, ruhen unter einer Schneedecke.

Wir konzentrieren uns auf unseren neuen Alltag, der hauptsächlich von meinem neuen Arbeitsalltag geprägt ist. Ricardo freut sich über seinen Alltag im Kindergarten und Jürgen freut sich über seine Rolle als Hausmann. Und ich kämpfe damit, mich wieder in den Berufsalltag einzufuchsen.

Mobiles Arbeiten, sprich Homeoffice, ist nichts Neues für mich. Daheim ein Plätzchen fürs Notebook finden und von einer Videokonferenz in die nächste springen, ist auch nichts Neues für mich. Doch neue Gesichter, neue Namen, neue Eigen- und Besonderheiten, eine andere Mentalität … und eine vorausgegangene Auszeit von drei Monaten … kosten viel Energie.

Ein bis zweimal die Woche fahre ich nach Schwerin. Abgesehen von wunderschönen Sonnenaufgängen und einer bezaubernden Winterlandschaft macht es mit Polarwirbel, Tristan und Reinhard recht wenig Spaß.

Doch ich habe eine 30 Std./Woche. Ja, frei gewählt. Ich finde nämlich Teilzeit toll, weil das Leben zu kurz ist, um nur zu arbeiten. Schon vor meiner Zeit mit meiner kleinen Familie als wilder Single, mochte ich es, auch noch ein Leben neben der Arbeit zu haben. Mit einer kürzeren tägliche Arbeitszeit, bin ich abends nicht ganz so erschöpft. Ab und an kann ich Ricardo von der Kita abholen und ich habe paar Minuten mehr mit meiner Familie.

Nachdem wir nun auch wieder einen strukturierten Alltag in der Woche haben, beschränken sich unsere kleinen Ausflüge auf die Wochenenden. Ich liebe es, die Vormittage dazu zu nutzen. So ein morgendlicher Strandspaziergang ist wahnsinnig schön. Die Natur erlebt sich so intensiver. Es sind kaum Menschen unterwegs und die Natur ist noch so verschlafen.

Kalt wird es die nächsten Tage noch bleiben. Vom warmen Föhn in Südbayern zum sogenannten Polarwirbel-Split an der Küste … das Wetter wird immer eine tragende Rolle in unserem Leben spielen. Doch ganz ehrlich: Der Föhn ist mir dann doch lieber.

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