Coronablues mit Aussicht auf Besserung

Nun hat’s mich auch erwischt. Die soziale Isolation zeigt ihre Wirkung. Alles geht gerade schleppend voran. Vieles ist halb fertig. Und noch schlimmer: Ich vermisse meine Freunde und das Bierchen mit ihnen zum Feierabend oder den Cocktail mit meinen Mädels am Donnerstag, den Abend in der Kneipe … Klar, wir (video)telefonieren, aber mir fehlt auch gerade die Zeit dazu. Mir fehlen meine soziale Kontakte, unsere Freunde, die München für uns so liebenswert gemacht haben. Zudem ist das Geld eher alle als der Monat. Die Ersparnisse weitestgehend aufgebraucht. Das macht Druck.

Morgen haben wir den zweiten Vollmond. An sich ein wunderbarer Anblick in einer Gegend, die so dunkel ist. Das heißt auch, wir sind nun gut einen Monat hier. Den Schnellgang, den wir anfangs eingelegt haben, können wir nicht mehr fortführen. Wir sind müde und erschöpft.

Müde auch deshalb, weil Ricardo gerade sehr anstrengend ist. Er fordert sich die maximale Aufmerksamkeit ein. Nun hat er das Wort „Nein“ für sich entdeckt und lebt es auch vollkommen aus. Klar, ganz normal für ein fast dreijähriges Kind in seiner Trotzphase. Doch in Kombination mit dem Umzug … Wir hatten gehofft, er steckt den Tapetenwechsel ganz gut weg. Nun müssen wir aber feststellen, dass es eben nicht so ist. Ihm fehlt die Kinderkrippe. Kinder zum Spielen. Andere Menschen – nicht nur Mama und Papa und manchmal Oma und Opa. Es ist auch nicht möglich, andere Kinder zu treffen. Bei dem Wetter sind die Spielplätze leer. Soziale Einrichtungen, wie z.B. die Kinderkirche können ihre Angebote wegen Corona nicht anbieten. Und erschöpfte Eltern sind für ein kleines Kind auch nicht unbedingt förderlich.

Die Aussicht mit den angekündigten Corona-Maßnahmen machen es nicht besser. Der Dezember ist eigentlich unser Monat: Ricardo hat Geburtstag, wir haben Hochzeitstag und ich habe Geburtstag. Es ist Weihnachten und Silvester. Nur was sollen wir „Außergewöhnliches“ machen? Kindergeburtstag fällt flach. Weihnachtsmärkte geschlossen. Freunde ganz weit weg. Reisen (was wir sonst immer getan haben) geht nicht. Noch nicht einmal schick essen gehen ist möglich. Ja, vielleicht ist es gerade jammern auf hohem Niveau, doch es entmutigt gerade.

Status Küche und Eingangs-Flur: In Arbeit und es ist kompliziert

Vieles Angefangene können wir nicht ganz zu Ende bringen. Der Eingangs-Flur ist fast fertig – aber auch deshalb, weil uns das Haus wieder mit seiner Resistenz Steine in den Weg legte. Tagsüber Arbeitsamt-Coaching und Kind-Betreuung und reguläre Arbeit (Jürgen arbeitet ja noch nebenbei im Homeoffice), so bleibt uns nur die Schlafenszeiten von Ricardo, um tatkräftig anzupacken. Also Renovieren wir abends bis spät in die Nacht.

Immer wieder stelle ich fest, dass Jürgen und ich ein gutes Team sind. Das Arbeiten miteinander macht Spaß. Mein momentaner Durchhänger ist auch für ihn nicht gerade leicht, da ich in solchen Phasen sehr launisch sein kann. Doch jedes Mal aufs Neue bin ich überrascht, wie gut er das Ausbalancieren kann. (Zu meiner Verteidigung muss ich auch sagen, er ist auch nicht immer einfach.)

Zwischenzeitlich ist auch unsere Küche von Ikea angekommen. Mein Stiefvater hat uns das Wochenende beim Aufbau geholfen. So eine Ikea-Küche birgt viele Überraschungen. Wir wollten die eigentlich aufbauen lassen. In München ging das. Beim Ikea in Rostock wäre es nur möglich, mit vorherigem Aufmaß durch Ikea-Experten. Fazit: Weihnachten ohne Küche oder selbst aufbauen. Also ran! Am Ende vom Wochenende steht aber die Ernüchterung: Wir brauchen einen Klempner und einen Elektriker. Der Elektriker ist aber das wahre Problem. Das gute alte Handwerk wird auch in Bad Doberan rarer, besonders die Elektriker. Also werden wir morgen früh alle Elektriker durchtelefonieren und hoffen, dass sicher einer findet, um uns den Herd anzuschließen.

Während wir für die Küche werkelten und ich putzte und putzte und putzte, haben wir unser Kind der Oma mitgegeben. Ricardo liebt es bei den Großeltern. Es gibt dort Hühner und Tauben, eine Katze und tolle Nachbarn und viel Platz. Wahnsinnig viel zu tun: Hühner füttern, Oma und Opa im Garten helfen, den Nachbarn guten Tag sagen …

Mit Oma hat er Plätzchen gebacken. Erst dann, als ich die Fotos sah, wurde mir bewusst, dass wir ja den Ersten Advent haben! Bei so viel Beschäftigtsein, verliert man so schnell den Blick. So haben Jürgen und ich nun beschlossen, dass Küche zwar wichtig ist und fertig werden sollte und vielleicht auch paar andere Kleinigkeiten, aber wir wollen die Adventszeit besinnlich und in Familie ohne Baustress genießen. Alle Welt ist gerade in der Vorweihnachtszeit immer so busy, wir wollen es nicht sein und unsere vielen Feiertage auch genießen. Wer weiß, wie es die nächsten Jahre wird.

Ortserkundung und Sonne muntern auf

Unsere Erkundungen gehen dennoch weiter. Das Wetter ist zwar gnadenlos in seiner Launigkeit, aber wir schaffen es, schöne Momente mitzunehmen.

Ich war als Kind viel bei meinen Großeltern in Bad Doberan. Doch irgendwie beschränkte sich Bad Doberan auf den Weg in die Stadt, zum Münster und zum Strand. So bin ich immer wieder ganz erstaunt, was es noch alles zu sehen gibt. Und dass ja eine Straße weiter von uns, die Natur uns mit offenen Armen empfängt, hatte ich nie geahnt. Wald und Wiesen. Für einen Vormittagsspaziergang (soweit man Ricardo zum Spazieren gehen animieren kann) eine wahre Wonne. Insbesondere dann, wenn die Sonne sich durchkämpft.

Wenn ich das erlebe, freue ich mich doch wieder, hier zu sein. Eine erwachende Stadt hat auch ihren Reiz, aber eine erwachende Natur fast mehr.

Ein Gedanke zu “Coronablues mit Aussicht auf Besserung

  1. Ich finde Euer Haus toll. Aber was hat Ricardo von einer tollen Küche, wenn seine Eltern total abgekämpft sind und sich an die Gurgel gehen. Also teilt Eure Kräfte ein und genießt erstmal, was Ihr schon geschafft habt.
    Dieser Nebel im Herbst macht mir irgendwie immer gute Laune, weiß auch nicht… 🙂

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