Probelauf für ein Pendlerleben

In München hatte ich 15 Minuten zur Arbeit – mit dem Radl oder mit der U-Bahn, die in der Regel alle fünf Minuten fuhr (wobei es sehr oft zu „Unregelmäßigkeiten“ kam). Ich liebte diesen kurzen Arbeitsweg. Er bedeutete mir Lebenszeit und Lebensqualität.

Jürgen hatte es schon sehr viel weiter. Er musste einmal durch die Stadt. Doch mit Corona, dem Homeoffice und der Kurzarbeit war es auch kein Thema mehr.

Meine größte Sorge meiner Jobsuche galt und gilt natürlich dem Gehaltseinbußen, den der „Osttarif“ mit sich bringt, aber auch den verlängerten Arbeitswegen – für mich der schlimmste Fall mit dem Auto. Viele meiner ehemaligen Arbeitskolleg*innen hatten lange Arbeitswege, durchaus nichts Spezifisches für die Gegend. So versuche ich nun den Blick auf das Positive beim Pendeln zu legen.

Meine erste Übung hatte ich nun in den letzten drei Tagen auf dem Weg zum Bildungszentrum des Arbeitsamtes nach Rostock. Heute morgen im Radio hörte ich, die Regionalzüge haben derzeit eine Auslastung von 55 %. Ohje, wenn ich das auf die Pendelzüge hochrechne zu normalen Zeiten, dann müssten diese sehr gut gefüllt sein. Die letzten drei Tage allerdings war das Reisen sehr angenehm.

Schon allein der Weg mit dem Rad zum Bahnhof war mystisch. Ich fuhr los, als auch der Molli bei uns gerade vorbei ratterte. Die ganze Zeit ging es hinter und neben mir: bimbimbim und tuuuut und schtschtscht.

Es ist dunkel hier. München ist so hell erleuchtet. Es waren kaum Leute unterwegs, und es war morgen kurz nach 7 Uhr. Die Schüler waren unterwegs und eben einige Pendler. Am dritten Tag kannte ich sie vom sehen alle.

Die 20 Minuten im Zug habe ich genossen. Zeit für mich. An eine solche Pendelei könnte ich mich schon gewöhnen.

Mein Coaching beim Bildungszentrum des Arbeitsamtes

Wie angekündigt, konnte ich es ganz flexibel einrichten und besuchte das Coaching, das mir die Dame vom Arbeitsamt im Rahmen meiner Mitwirkungspflichten angedreht hatte.

Ja, was soll ich davon erzählen? Der Inhalt des Coachings war ein wenig fragwürdig. Im Endeffekt wussten auch diese Damen und Herren nicht so recht, was sie mit mir anstellen sollen. Das liegt einfach an meinem Berufsbild, es lässt sich eben nicht Arbeitsamtssystemkonform einordnen. So war doch wenigstens die Überzeugung da, dass ich mir selber meine Jobs suche.

Mein Coacher war wirklich bemüht und wahnsinnig freundlich. Und ich glaube auch, dass er einen guten Job macht. Am ersten Tag war ich von meinem 6-Stunden-Tag nur zwei Stunden dort, um die Formalien zu erledigen. Am zweiten Tag haben wir uns meine Bewerbungen, die ich schon geschrieben hatte, angeschaut. Hier und da hat er mit paar Verbesserungstipps gegeben. Heute haben wir uns über Bewerbungsgespräche unterhalten. Ich war nie die vollen sechs Stunden da.

Im Fazit: Geschadet hat es nicht. Doch weiß ich noch immer nicht, was ich davon halten soll. Zumindest steht in meiner Abschlussbewertung für die Dame des Arbeitsamtes drin, dass ich hoch motiviert bin, wieder aktiv am Arbeitsleben teilzunehmen. Na immerhin.

Zeit für gesellschaftliche Studien

Im Zug hatte ich ein wenig Zeit, die neuesten Infos zu lesen. Trump und Corona sind ja Dauerbrenner, aber mein neuestes Thema ist ja, dass ich auf Ost-West-Unterschiede sensibilisiert bin. Jahrelang war es kein Thema für mich, doch wenn man „zurück in den Osten geht“ wird es eines – ob man will oder nicht, man kommt nicht dran vorbei.

So las ich im neuesten Armutsbericht des Paritätischen, dass in Deutschland immer mehr Menschen von Armut betroffen sind, mehr als je zuvor. Durch die Corona-Krise wird es noch schlimmer. Nun aber das ABER: Es ist kein Ost-West-Thema mehr! Auch wenn der Trend der letzten Jahren, der Rückgang der Einkommensarmut in Ostdeutschland, gestoppt wurde. Armut ist nun eher eine Art Nord-Süd-Problematik. Und wir sind aus dem Bundesland mit der wenigsten Armut (Bayern) in das Bundesland mit der höchsten Armutsquote (Mecklenburg-Vorpommern nach Bremen und Sachsen-Anhalt) gezogen. Das ist sehr aufbauend.

Es liegt an der sozialen Infrastruktur. Gelder müssen nun mal dafür bereit gestellt werden. Das passiert in wirtschaftlich stärkeren Bundesländern intensiver. Ich erinnere mich an eine Aussage von der Staatsministerin für Pflege und Gesundheit in Bayern, was die Pflege angeht: „Die Gelder sind da. Sie müssen nur abgerufen werden.“. Nun dann, wenn es so einfach ist …

Ich muss schon sagen, auch wenn immer gern hingestellt wird, dass München so teuer ist, im Gegenzug haben wir als Jung-Familie viele „Förderungen“ bekommen: Wir wohnten in einer Genossenschaftswohnung und haben eine faire Miete gezahlt, unser Kita-Platz wurde vom Freistaat Bayern und von der Stadt München gefördert und wir erhielten das Bayerische Landesfamiliengeld (250 Euro). Unterm Strich lebten wir in einer teuren Stadt gut.

Ich bin sehr gespannt, wie es sich hier bei uns wirtschaftlich entwickeln wird. Einen Job werde ich schon finden. Nun gönne ich mir erst einmal weiter meine kleine Auszeit von beruflichen Verpflichtungen. Schließlich steht die Adventszeit vor der Tür und ganz viele Ereignisse zum Feiern.

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