Keine Spur vom Novemberblues

So langsam kommt Struktur und Routine auf. Wobei ich bestimmt den nettesten Part habe. Ich darf nämlich mit Ricardo die Gegend erkunden. Spielplätze aufsuchen ist nicht so meins, aber in Wäldern und Parks rumstöbern, das schon. Leider ist Ricardo fürs Spazierengehen schwer zu mobilisieren, aber wenn er mal in Gange ist und er die kleinen Dinge (Kastanien und Eicheln sammeln, auf Baumstämmen balancieren, fliegende Blätter von den Bäumen beobachten, usw.) in der Natur entdeckt hat, ist es schwierig, ihn nach Hause zu bekommen.

Nur eines finde ich nicht so prickelnd, dass ich dafür ständig Auto fahren muss. An sich ist das nicht so das Problem, doch sehe ich immer nur Touristenparkplätze und muss ständig die Parkuhren mit Münzen befüllen. Gut, mit der Zeit finde ich vielleicht die Wander-Parkplätze, doch momentan gehen diese Ausflüge echt ins Geld.

Dabei sind gefühlt mit dem 31. Oktober auch die Touristen verschwunden. Die Straßen in Bad Doberan sind leer, der Molli-Fahrplan hat auf Winterzeit umgestellt, die Parkuhren wollen nur noch Geld für die Nachsaison haben und die Strände sind Menschenleer. Der November ist optimal zum Urlaub machen.

Der Mangel an Touristen mag vielleicht auch am Lockdown liegen, von dem wir faktisch gerade gar nichts mitbekomme. Wir leben ja derzeit zwangsweise in einer Isolation.

Wir erkunden und Jürgen arbeitet

Währen Ricardo und ich in unseren Entdeckungstouren aufgehen, renoviert Jürgen ganz motiviert unser Gästezimmer. Ihr wisst, der Plan B … wobei ich dazu sagen muss, auch wenn ich nicht in dieser Form arbeite, aber einen Tag mit Ricardo verbringen, sich immer wieder aufs neue überlegen, was man mit zwei Herdplatten kochen könnte (und natürlich auch kocht), das Timing mit dem Wetter und der Schlafenszeit von Ricardo und nebenbei noch Kartons ausräumen, schlaucht auch und bringt mich abends sehr schnell ins Schlafkoma.

Aber auch Jürgen kämpft wieder mit den Herausforderungen des knapp 130 Jahren altem Hauses. Bis jetzt hatten wir in jedem Zimmer, dass wir renovierten unsere Überraschungen, so auch wieder in unserem zukünftigen Gästezimmer.

Ja, dieses alte Haus. Mit einer langen Vergangenheit und vielen interessanten Bewohnern (dazu aber ein anderes Mal auf einer gesonderten Seite auf dieser Website). Man könnte meinen, die Wände reden. Wir hatten letzte Nacht Besuch auf der Durchreise aus München. Ein guter Freund (mit zwei Kästen Augustiner im Gepäck, Freude!) hat wohl nicht so gut geschlafen, weil er das Gefühl hatte, es spukt. (Nicht lachen, ich bin sehr empfänglich für solche Aussagen. Im Haus meiner Freundin im Bayerischen Wald hatte ich das selbe gesagt.) Jedenfalls fühlte ich mich schon sehr bestätigt. Ich wollte die ersten Nächte auch nicht allein hier sein, weil diese Geräusche in dem Haus nachts schon recht unheimlich sind.

Unterwegs im Nienhagener Gespensterwald

Passend dazu waren Ricardo und ich heute im Nienhagener Gespensterwald. Nein, gespenstisch war er nun nicht, eher sehr schön anzusehen.

Nienhagen ist ein kleiner Ort in der Nähe von Doberan. Ich mag ihn sehr. Vor zwei Jahren haben wir dort Urlaub gemacht. Er ist nicht so bekannt, darum auch im Sommer touristisch erträglich (Ich frage mich so und so, warum alle Welt immer nach Kühlungsborn fährt, wahrscheinlich weil es bei booking.com ganz oben mit den meisten Treffern steht).

Es waren kaum Menschen unterwegs. Und umso dichter wir Richtung Küste kamen, um so Naturgewaltiger wurde der Wald. Das Lüftchen wurde zügiger, das Tosen der Wellen hörbarer und irgendwie wurde die Natur lebendiger, das Miteinander der Vögel hitziger. Schade das Bilder eine solche Stimmung nicht wiedergeben können.

Die Nienhagener Küste ist eine besondere Ausprägung der Steilküste an der Ostsee mit seinen Buchenwäldern.

Vor Ort habe ich gelesen, dass die Küste im durchschnitt 16 cm pro Jahr schwindet. Klingt nun nicht wahnsinnig viel, dennoch wissen wir ja spätestens seit die Kreidefelsen auf Rügen abgebrochen sind, wie fatal die Auswirkungen der Naturgewalten sind.

Trip zum Rostocker Zoo

Das Wetter ist diese Tage – zumindest bis zum frühen Dunkelwerden – einfach nur herrlich. So macht Mecklenburg Spaß. Sonne und ohne Regen. Damit ich nicht jeden Tag mit Ostseebildern aufwarte, war ich gestern im Rostocker Zoo. Vorher haben wir aber bei Ikea unsere Küche klar gemacht.

Ich liebe diese norddeutsche Gelassenheit. Kurze Anekdote: An der Kasse bei Ikea war’s so wie bei zig tausend anderen Kunden auch, mein tägliches Überweisungslimit konnte den ganzen Kaufbetrag nicht abdecken. In mir stieg die Panik auf und ich fragte den Typen an der Kasse, während meine Karte das zweite Mal eingelesen wurde, was wir dann machen würden, wenn es nicht klappt. Er antwortete nur: „Darüber machen wir uns Gedanken, wenn es soweit ist.“ Nicht das erste Mal, dass ich ich hier diesen Satz hörte. Er wirkt beruhigend. Im Übrigen funktionierte es.

Im Zoo vernahm ich sehr oft diesen Rostocker Dialekt, dieser mit den langgezogenen Wörtern und den vielen ÄÄÄÄÄÄs und diesem Singsang in der Stimme. Oh, macht das Spaß, diesen Leuten zuzuhören. Einfach nur diese Melodie der Stimme wirkt beruhigend und irgendwie auch gut gelaunt. Ich kann es nicht beschreiben. Man kennt es vielleicht vom Hamburger Fischmarkt, nur dass Mecklenburger weniger reden.

Vielleicht ist es doch so ein wenig die „alte Heimat“, die in mir hochkommt oder es ist die gleiche Faszination, wenn ich ein melodisch gesprochenes Bayerisch höre (hihi, die Grammatik ist in beiden Fällen nicht immer ganz korrekt, ich bitte um Nachsicht derer, die sich gerade persönlich angesprochen fühlen).

Und wieder waren die wenigen Besucher auffallend freundlich und hilfsbereit. Ricardo spielte mit anderen Kindern im Streichelzoo und auf dem Spielplatz.

Der Rostocker Zoo ist überraschend schön. Sehr viel Park. Die Tiere haben viel Platz. Die gleichen Preise wie in München. Fairerweise sind sie, weil sie Coronabedingt die Indoor-Bereiche nicht geöffnet haben, mit den Eintrittspreisen auch runter gegangen (nicht wie in München). Ich bin sehr begeistert und überlege ernsthaft, ob es Sinn macht, eine Jahreskarte zu kaufen.

Nur ist das so eine Sache, wie oft kommt man dahin in der Woche (Wochenende ist der Zoo wahrscheinlich auch von Menschenmengen geflutet)? Ich gewöhne mich gerade an meine freie Woche. Ich glaube, die Entschleunigung setzt ein. Ich muss schon genauer nachdenken, welcher Wochentag heute ist. Ich muss zugeben, es gefällt mir es gerade -vielleicht nicht auf Dauer, aber momentan schon. Noch ein bissel weniger Staub von den Renovierungsarbeiten und eine funktionsfähige Küche vielleicht … fragt mich im Dezember noch mal, wie es mir geht … (grins).

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