Halbe Kraft voraus

Ricardo hatte Samstag sein persönliches Highlight: Er ist Molli gefahren. Oh, wie war das fein. Wir machten einen Ausflug nach Heiligendamm. Auf dem Hinweg standen wir ganz vorn bei der Lok. Auf dem Rückweg ganz hinten.

Tatsächlich war ich auch ein wenig aufgeregt. Ich bin schon bestimmt seit 25 Jahren nicht mehr mit dem Molli gefahren. Und ich hab’s ebenso genossen. Als kleines Kind durfte ich nie draußen stehen. Meine Oma hat es mir immer verboten. Wegen dem Qualm und dem Gestank. Ist ja gesundheitsschädigend. Der Molli ist nämlich eine Dampfeisenbahn, die noch richtig mit Gebimmel fährt. Bimbimbim … so fährt sie durch die Ortschaft. Beim Anfahren geht es noch richtig schschsch … Herrlich. Seit 1886 fährt der Molli. Die Wagen und die Lok sind gefühlt genauso alt. Ein Fahrgefühl voller Nostalgie.

Und so war ich natürlich auch die besorgte Mutter und wir saßen ganz brav drin, aber dann sind wir doch raus vor die Tür und haben den Fahrtwind und den Dampf genossen. Und ich musste an meine Oma denken. Was sie wohl gesagt hätte? Geschimpft hätte sie ganz bestimmt.

Ricardo fand’s toll. Jeden Tag aller halbe Stunde fährt der Molli an unserem Haus vorbei. Jede halbe Stunde, wenn sich das Bimbimbim schon aus der Ferne ankündigt, flitzt Ricardo zur Haustür, um den Menschen im Zug zu winken. Die Lokomotivführer und auch einige Touristen winken immer zurück. Ich bin sehr viel mit der Bahn unterwegs gewesen. Doch selten sieht man „Bahnangestellte“, die sichtlich so viel Spaß an ihrer Arbeit haben.

Die Energie lässt nach

Wir haben gerade nicht so viel Dampf und Energie. Das Einrichten und Renovieren geht eher schleppend voran. Der Antrieb fehlt ein wenig. Nach dem Geleisteten in den letzten Tagen haben wir eher das Bedürfnis nach Durchatmen. Demnach gönnen wir uns nun auch doch ein paar mehr Pausen. Fleißig sind wir aber trotzdem (sollte dennoch erwähnt werden)!

Ich gebe zu, dass ich mich auf diese Monate ohne Arbeiten sehr gefreut habe. Meinen Job in München liebte ich und habe gern viel gearbeitet. Doch genauso sehr freute ich mich auf diese kleine „Auszeit“. Auf Grund unseres Plan B, nämlich einer beschäftigt sich mit Ricardo, der andere werkelt in der Wohnung, sind wir auch irgendwie gezwungen, diese Zeit mit schönen Dingen zu nutzen. Allerdings komme ich noch nicht so ganz mit dem norddeutschen Wetter klar: Morgens schauen wir aus dem Fenster, alles ist Wolkenverhangen. Auf einmal ist die Sonnte da und ein wunderschöner warmer Herbsttag tut sich auf. Und spätestens nach Ricardos Mittagsschlaf, ist alles wieder vorbei.

Der Entschleunigung ein Schritt näher

Trotz warmen Rekord-Novembertag hatte ich heute „Shoppingfrei“. Ikea gehörte mir und das Bauhaus auch. Ich habe es genossen, einfach mal wieder zu schlendern. Die Leute hier empfinde ich als „entschleunigt“. Selbst Ikea-Shopping ist stressfrei. Gut, vielleicht liegt es auch an Corona, dass die Läden nicht so überfüllt sind, dennoch sind die Leute hier immer freundlich. Noch nie habe ich einen Baumarkt betreten und die Dienstleister wie auch die Kunden sind einfach nur nett. Geht man in die Innenstadt von Doberan, umgibt einen gleich eine angenehme wohlige Grundstimmung. Alles einen Schritt langsamer. Keine Hektik, kein Stress. Ich muss zugeben, es gefällt mir. Ich merke, wie langsam mein Kopf vor lauter Rattern und Planen und Organisieren zur Ruhe kommt.

Heute im Baumarkt habe ich einen Komposter gekauft. Woran man alles nun als Hausbesitzer denken muss. Ich merke, dass ein Leben als Mieter doch recht bequem war: Man drehte die Heizung auf und es wurde warm. Die Mülltonnen standen vor der Tür. Irgendjemand hat sie schon zur Abholung raus gebracht. Den Gehweg säubern und Hecke schneiden, war nie meine Verantwortung. Lediglich eine Hausratsversicherung und dann passte auch der Versicherungsschutz. Doch nun muss man sich kümmern und zwar um alles. Wo kommt der Biomüll hin? Wie sichere ich meinen Außenwasseranschluss? Wann kommt die Müllabfuhr? Tonne rausstellen. Rasenmähen (und unser Garten ist groß, sehr groß). Was mache ich, dass fremde Hude nicht mehr ihr Geschäft in unserer Einfahrt verrichten? Stellenweise komme ich noch nicht mal auf die Idee, woran man noch alles denken muss.

Auch wenn wir mit solchen Sachen schon ein wenig überfordert sind, es macht trotzdem Spaß. Wir sehen, wie das Haus nach unseren Vorstellungen wächst. Wir können uns das so gestalten, wie wir Lust haben und wie es uns gefällt. Nur eben muss ich wohl lernen, Geduld zu haben.

Doch Eines kann ich jetzt schon sagen, bevor es „fertig“ ist:

Ein Gedanke zu “Halbe Kraft voraus

  1. Mensch super, Lydia, ich denke die norddeutsche Luft tut euch gut. in ein paar Monaten seid ihr sowas von entspannt und wollt gar nicht mehr wo anders hin… Nur eins noch: ein Haus ist niemals fertig, vor allem nicht eins wie eures, historisch und mit großem Garten… Da gibts immer was zu tun…

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